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03.09.2020

Achtsamkeit ist die innere Dimension von Nachhaltigkeit

Unter dem Motto „Wahrer Erfolg jenseits von Kalkül und Strategie“ fand im Herbst in Wien ein Achtsamkeitsseminar unter der Leitung von  Dr. Kai Romhardt statt. Am Rande der Veranstaltung führte ÖBR-Redakteur Manfred Krejci mit Dr. Kai Romhardt das folgende Interview.

 

ÖBR: „Zwischen aufgetürmten Steinen darf der Schwache weinen. Durch diesen Riss kann das Kleine scheinen“ - Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht, das du während einer tiefen Lebenskrise geschrieben hast, die dich im Alter von 30 Jahren erfasst hat. Was ist damals passiert?
Kai: Das war die Phase, als ich für mich entdeckt habe, dass dieses Leben auf der Überholspur nicht wirklich zum tieferen Zufriedensein führt. Ich musste schmerzhaft feststellen, dass ich Teile von mir noch gar nicht kannte. Das war in einer Zeit, in der ich zwar nach außen hin sehr erfolgreich war, die Krise aber dann in Form einer tiefen Depression zugeschlagen hat. Dieses Gedicht schrieb ich, als ich wieder Licht am Ende des Tunnels gesehen habe, nachdem mir liebe Menschen halfen, neu auf das Leben zu schauen. Jemand, dem ich mein Herz geöffnet habe, sprach sogar von „geiler Krise“. Das waren Erlebnisse, wo sich in mir wieder etwas entspannen konnte. Ich konnte endlich ehrlich zu mir sein, mir meine eigenen Verletzungen, meine Unvollkommenheit und meinen Schmerz eingestehen. Ich musste nach außen hin nicht mehr dauernd der Souveräne, der Erfolgreiche, der Schnelle sein.

 

„Ich konnte endlich ehrlich zu mir sein,
mir meine eigenen Verletzungen,
meine Unvollkommenheit
und meinen Schmerz eingestehen.“


ÖBR: Kannst du beschreiben, welcher Mensch du bis zu diesem Zeitpunkt warst. Was hat dich vor dieser Krise angetrieben? Welches Weltbild hattest du damals?
Kai: Mein Weltbild war: wenn ich etwas leiste, dann kann ich aufregende Sachen erleben, dann bin ich auf dem Weg hin zu Anerkennung und Glück. Ich fühlte mich lebendig und kräftig, habe viele Projekte organisiert, habe ein Buch geschrieben, in Genf promoviert. Dabei sagte mir aber eine innere Stimme immer wieder: wenn du nicht ganz vorne dabei bist, wenn du unvollkommen bist, dann bist du eigentlich gar nichts wert. Wenn es dann keine Projekte und keine Deadlines gab, hat mich  der Dämon der Unzufriedenheit gepackt.

 

ÖBR: Woran hast Du ganz konkret gemerkt, dass es so nicht mehr weitergehen kann?
Kai: Da saß ich im Hochsommer bei 30 Grad in einem Bürogebäude in Frankfurt. Ich hatte einen schicken Anzug an, schwitzte ordentlich und es ging mir unheimlich schlecht, nachdem ich zwei oder drei Nächte nicht richtig geschlafen hatte. Mir war morgens übel gewesen. Am Computer habe ich gemerkt, dass meine Konzentration immer weiter nachlässt, ich schaute nach draußen und habe da die Menschen gesehen. Und mir wurde plötzlich klar, dass ich an diesem ganzen Leben schon seit langem nicht mehr teilgenommen habe. Ich bin dann  rausgegangen und habe die Menschen in den Cafés und fröhliche, spielende Kinder gesehen. Das war der Moment, wo ich gemerkt habe, dass es so nicht mehr weitergeht. Wie weit ich mich vom wahren Leben entfernt hatte. Das war der Tag, an dem ich meinen Job gekündigt habe.

 

ÖBR: Wie bist du in dieser schwierigen Lebensphase mit dem Buddhismus in Kontakt gekommen? Du hast ja dann zwei Jahre in Thich Nhat Hanhs internationalem Meditations- und Studienzentrum Plum Village in Südfrankreich gelebt und studiert.
Kai: Den ersten Impuls dazu habe ich meinem alten Gymnasiallehrer und Tutor zu verdanken, der gemerkt hat, dass es mir nicht gut geht. Er hat mir eine VHS-Kassette mit dem Titel „Die Wahrheit des anderen“ in die Hand gedrückt. Da habe ich zum ersten Mal Thich Nhat Hanh – Thây –  gesehen und das hat mich sehr berührt. Wenig später kam dann der Film „Schritte der Achtsamkeit“ ins Kino, eine Reise zu den Ursprungsstätten des Buddhismus in Indien. Ich saß in einem Hamburger Kino und hörte Thây über so einfache Sachen wie das Gehen, das Essen, den gegenwärtigen Augenblick sprechen und das hat mich total gepackt. Mir liefen die Tränen und als ich dann rausgegangen bin, habe ich direkt vor dem Kino versucht, meine erste Gehmeditation zu machen. Das war ein ganz einschneidender Moment. Bald darauf habe ich das erste Mal an einem Retreat in Südfrankreich teilgenommen.

ÖBR: Kannst du deine innere Wandlung während des Aufenthalts in Plum Village beschreiben? Was ist dann an die Stelle des Egotrips getreten?
Kai: Zuerst kam die Erkenntnis darüber, dass es auch ganz anders geht. Ich war das erste Mal in einer liebevollen, wohlwollenden Sangha, wo die Menschen tiefes Zuhören praktiziert haben. Dort habe ich eine tiefe Sehnsucht nach innerer Befreiung entwickelt. Damals war es ja noch so, dass Thich Nhat Hanh während des Sommerretreats persönlich zweimal anderthalb Stunden am Tag Vorträge gehalten hat. Ich saß jedes Mal wie vom Donner gerührt da und hörte gebannt zu. Mein Körper und mein Gehirn entspannte sich auf einer tiefen Ebene, viele Fragen, die mich mein Leben lang beschäftigt hatten, beantworteten sich von selbst oder verloren ihre Bedeutung. Das hat so einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, dass ich mich letztendlich entschloss, für zwei Jahre dort zu bleiben.

 

ÖBR: Wie würdest du den weltweit wohl bekanntesten Zen-Meister unserer Zeit charakterisieren? Was ist das Außergewöhnliche am Menschen Thich Nhat Hanh?
Kai: Er ist sehr präsent, sehr bescheiden, sehr einfach und er kann die schwierigsten, komplexesten Themen in einfachen Worten ausdrücken. Für ihn ist das Gedichteschreiben genau so etwas Schönes wie das Gärtnern, eine Kalligraphie malen, eine Tasse Tee genießen oder ein Buch studieren. Er nimmt immer den Menschen wahr, der ihm gerade gegenüber sitzt und antwortet auf das, was sein Gegenüber wahrscheinlich gerade am Nötigsten braucht. Und er hat häufig ohne Worte gelehrt, durch sein Beispiel, seine Schritte, sein Lächeln. Gleichzeitig ist er immer auch rausgegangen, hat öffentliche Geh-Meditationen angeleitet, den engagierten Buddhismus geprägt und war in Vietnam als der „Mönch auf dem Fahrrad“ unterwegs.

 

ÖBR: „Die beste Weise, sich um die Zukunft zu kümmern besteht darin, sich sorgsam der Gegenwart zuzuwenden“, sagt Thich Nhat Hanh. Diese Aussage könnte durchaus das Leitmotiv einer weltweiten Klimaschutzbewegung sein. Kann die buddhistische Lehre etwas zur Abwendung der drohenden Klimakatastrophe beitragen?
Kai: Auf jeden Fall, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Da ist zuerst einmal die individuelle Ebene. Durch achtsames Beleuchten seines eigenen Lebens kann der Mensch zu ökologischen Einsichten kommen, z.B. auf dem Feld des Konsums. Oder die Einsicht, dass wir als Menschheit alle miteinander verbunden sind, dass wir alle in wechselseitiger Abhängigkeit leben und auch nur gemeinsam überleben können. Dies intellektuell zu erkennen ist das eine, es tief und unmittelbar in der Meditation und im Alltag zu erleben, etwas anderes. Ein weiteres Thema ist die Sangha, die Gemeinschaft: ein individualisierter Lebensstil führt dazu, dass wir einen stärkeren ökologischen Fußabdruck hinterlassen, der sich in Gemeinschaften so gar nicht manifestieren würde. Noch eine andere Dimension ist Thâys Rede vor der UNESCO. Er meinte damals, dass wir als Menschheit in Frieden leben könnten, wenn wir alle die fünf Achtsamkeitsübungen oder Silas praktizieren würden. Jeder Einzelne durch persönliche Meditation und Einsicht und die Sangha bei der Entwicklung kollektiver Weisheit und des Miteinanders.

 

„Durch achtsames Beleuchten seines eigenen Lebens

kann der Mensch zu ökologischen Einsichten kommen.“

 

ÖBR: Bisher hat man im Klimaschutz ja eher auf Energieeffizienz gesetzt, allerdings mit überschaubarem Erfolg. Nun taucht in diesem Zusammenhang auch immer stärker der Begriff der Öko-Suffizienz auf, einer vom Motto „Es ist genug!“ geprägten Lebensweise. Erinnert das nicht an den „Mittleren Weg“, den der Buddha mit Samtusta – also zufrieden sein, versöhnt sein - beschrieben hat?
Kai: Im Netzwerk Achtsame Wirtschaft ist das eines der Themen. Da geht es auch um den achtsamen Konsum. In unserem „Mindful Business Commitment“ findet sich eine praxisorientierte Übungsethik, die aus dem Dharma abgeleitet ist. Und da steht zum Beispiel im vierten Übungsfeld Achtsamer Konsum: „Das Rechte Maß zu erkennen, mein Wollen zu zähmen und eine behutsame Auswahl im Feld der Wünsche zu treffen. Mir ist bewusst, dass das Anwachsen von Ansprüchen häufig zu Unzufriedenheit führt.“ Und weiter: „Die bereits vorhandenen Bedingungen zum Glücklichsein in meinem Leben zu erkennen und wertzuschätzen sowie die bestehende Fülle wahrzunehmen.“ Das sind zwei Aussagen, die genau in die Richtung „weniger ist mehr“ gehen. Achtsamkeit zu kultivieren ist also so etwas wie die innere Dimension von Nachhaltigkeit. Dabei geht es nicht darum, den Gürtel unwillig enger zu schnallen, sondern zu erfahren,  dass dieses „Weniger“ häufig freudvoller, gesünder und genussvoller ist.

 

ÖBR: Könnte also buddhistische Achtsamkeit dabei helfen, das eigene Wohlbefinden weniger über Konsum und Leistung zu definieren und damit zu einer suffizienteren Lebensgestaltung beitragen, die letztlich auch dem Klimaschutz dient?
Kai: Genau das ist in jedem Fall die Konsequenz. Ein selbst gewähltes einfacheres Leben gemeinsam mit Gleichgesinnten, weil man dann auf einmal sieht, dass man das, was man sich vom Konsum verspricht, ja eigentlich nicht wirklich braucht, sondern die Verbundenheit möchte, in einer lebendigen Gemeinschaft leben und etwas Sinnvolles tun möchte. Vielem im Feld des Konsums schreiben wir eine Wirkkraft auf unser Glück zu, die eigentlich gar nicht vorhanden ist.

 

ÖBR: 2004 hast du das „Netzwerk Achtsame Wirtschaft“ gestartet. Motto dieser Initiative ist: „Wirtschaft geschieht uns nicht - wir sind die Wirtschaft!“ Was ist damit gemeint?
Kai: Wenn über Wirtschaft gesprochen wird, meinen viele Menschen, das sei etwas Abstraktes, das weit weg ist und mit ihnen nichts zu tun hat. Wenn wir aber genauer schauen, sind wir alle wirtschaftende Subjekte. Wir konsumieren jeden Tag. Vielleicht kaufen wir etwas. Wir gehen mit Geld um. Wir geben Geld als Energie an andere weiter. Wir stellen unsere Arbeitskraft jemandem für bestimmte Zwecke zur Verfügung. Wir haben vielleicht Eigentum, das wir nutzen, das wir teilen oder nicht teilen. Das heißt, jeder von uns ist mit dem Thema Wirtschaft verbunden. Anfangs habe ich das meinen buddhistischen Freunden und Dharma-Brüdern immer wieder erklären müssen. Sie meinten, was du da machst, das passt doch überhaupt nicht zusammen. Um Klarheit zu schaffen, habe ich 2009 das Buch „Wir sind die Wirtschaft“ geschrieben, in dem ich die Erfahrungen aus dem Netzwerk zusammengefasst habe. Jeder von uns hat im Feld der Arbeit, des Konsums und des Umgangs mit Geld sehr, sehr viele Möglichkeiten, achtsam zu wirtschaften. Wir hatten vor kurzem in Berlin eine Veranstaltung zum Thema warmes Geld. Am zweiten Tag starteten wir ein Experiment. Jeder von uns erhielt einen Umschlag mit Geld geschenkt. Die Aufgabe war nun, dieses Geld ganz konkret in warmes Geld mit heilsamer Wirkung zu verwandeln. Das war äußerst lehrreich, denn viele Menschen entwickeln beim Thema Geld intensive Emotionen, Scham, Schuld, Ärger, aber auch Großzügigkeit und Freude. Der Dharmaaustausch im Anschluss an diese Übung war einer den intensivsten, den ich je erlebt habe. Es war erstaunlich, welche Transformationen das Geld in so kurzer Zeit erfuhr und was jeder Einzelne in seiner Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Thema lernte. Von versagter Selbstfürsorge bis zum langen Gespräch mit Obdachlosen und vielen anderen Facetten. Einiges an Geld ist erstaunlicherweise auch wieder zurückgewandert. „Wir sind die Wirtschaft“ ist demnach auch eine Form der Selbstbeobachtung und Selbstermächtigung. Wir sind freier als wir denken. Ich kann selbst entscheiden, wie ich mit meinem Geld umgehe, ob ich es als heilsame oder „böse“ Energie sehe. Und wie bedeutend es ist, in welchem Geisteszustand ich Geld in die Welt bringe.

 

„Wirtschaft geschieht uns nicht -
wir sind die Wirtschaft!“

 

ÖBR: Als Handlungsfelder hat das Netzwerk Achtsamkeit in der Arbeit, beim Konsum und im Umgang mit Geld identifiziert. Kannst du dazu über das Thema Geld hinaus noch ein paar Beispiele nennen?
Kai: Auch im Feld der Arbeit haben wir ganz viele eingelernte Glaubenssätze. Zum Beispiel stand da in einem Meditationszentrum auf dem Retreat-Plan „Arbeitsmeditation.“ Manche Teilnehmer sind förmlich zusammengezuckt und haben geklagt, dass sie jetzt auch noch im Retreat arbeiten müssen. Arbeiten und meditieren, das ging für sie nicht zusammen. Dann wurde einfach nur das Wort geändert: statt Arbeitsmeditation hieß es dann „Freudvolles Tun“ und das wurde gleich viel positiver aufgenommen, obwohl es sich um die gleichen Aktivitäten handelte, lediglich von dem Begriff der Arbeit befreit. Um solche Glaubenssätze in Bezug auf Arbeit abzuschwächen, können uns Perioden des achtsamen Arbeitens in Gemeinschaft helfen, in denen wir bewährte Arbeitsprinzipien wie Impulsdistanz, bewusste Übergänge zwischen zwei Tätigkeiten, das regelmäßige Innehalten während der Arbeit oder Extralosigkeit üben. Extralosigkeit bedeutet, dass ich meiner Arbeit keine unnützen geistigen Aktivitäten hinzufüge. Wenn ich während des Kloputzens ständig denke: „wann ist es vorbei?“, dann ist das ein Extra, das es nicht braucht und das nur Spannung und schwierige Emotionen produziert. Für viele ist auch wichtig, wahre Pausen im Geiste der Muße einzulegen. Was den Konsum betrifft, sollten wir unseren eigenen Warenkorb besser kennenlernen, den Weg eines Produktes betrachten und schädliche Produkte vermeiden. Und uns selbst im gesamten Prozess des Konsums achtsam betrachten.

 

ÖBR: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der buddhistischen Lehre und diesen drei Feldern?
Kai: Diese Felder sind zentrale persönliche Wirtschaftsprozesse, die jeden Menschen betreffen. Wenn wir sie mit den Augen des Dharma betrachten, sehen sie auf einmal ganz anders aus. Nehmen wir zum Beispiel dana – Großzügigkeit. Im Umgang mit Geld ist das absichtslose Geben und das Annehmen ohne Gefühle der Schuld ein wunderbares Übungsfeld. Die Frage ist, inwiefern sich mein Ideal der Großzügigkeit in meinem konkreten Umgang mit Geld widerspiegelt. Innere und äußere Großzügigkeit, für mich und andere. Oder inwiefern meine finanzielle Energie, meine Arbeit oder die Organisation, die ich gründe, dem Wohl aller Wesen dient. Was ist der tiefere Zweck? Steht Gewinn vor Sinn oder Sinn vor Gewinn. Und da ist Buddha unser großer Lehrer, der aufgezeigt hat, dass wir unseren Geist befreien und uns alle Prozesse des Lebens nochmal neu und frisch anschauen können. Er hat ja auch bedeutende Wirtschaftsführer als Schüler gehabt, die dann ihre Art des Wirtschaftens geändert haben.

 

ÖBR: Derzeit existieren Regional- und Initiativgruppen in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Welche Aktivitäten setzen diese Gruppen im Sinne der Ziele des Netzwerkes?
Kai: Wir haben auf der einen Seite überregionale Veranstaltungen, das sind größere Retreats zum Thema „Achtsamkeit in der Organisation“ oder 2020 zum Thema „Wir sind der Klimawandel“ oder zum Thema „Achtsamer Umgang mit Geld und Finanzen“. Wir haben bald erkannt, dass wir auch einen regelmäßigen Austausch vor Ort brauchen und deswegen ist vor elf Jahren die erste Regionalgruppe in Berlin und vor acht Jahren die Gruppe in Wien entstanden.Diese Regionalgruppen organisieren Austausch-Abende, an denen eine bestimmte Frage mit einem Bezug zum Wirtschaften im Mittelpunkt steht, z.B.: „Wann ist genug genug?“ oder „Was verleiht Wert?“ An diesen Abenden finden keine intellektuellen oder philosophischen Diskussionen statt, sondern wir teilen aus unseren persönlichen Erfahrungen und unserer Übungspraxis. Man beginnt den Abend mit einer Meditation und im Anschluss gibt ein Organisator einen kurzen Input und stellt dazu vielleicht auch einen Text aus einem buddhistischen Sutra vor. Und dann beginnt man den Austausch über die Frage. Immer verbunden mit Meditation und Innehalten. Die Regionalgruppen organisieren außerdem auch Mindful Co-Working Days, Vorträge oder auch öffentliche Gehmeditationen z.B. durch vorweihnachtliche Einkaufsstraßen. Außerdem organisieren sie Achtsamkeitstage und Seminare zu Themen wie dem heilsamen Umgang mit Medien oder zuletzt häufiger zum Verhältnis von Individual- und Gemeinwohl.

 

"Ich glaube an die Kraft der kleinen Samenkörner."

 

ÖBR: Hat das Thema Wirtschaft neben der ökonomischen nicht auch eine starke ökologische Komponente?
Kai: Das Problem in größeren Teilen der Ökonomie liegt im ich-bezogenen und kurzfristigen Denken, das langfristig schadhafte Effekte auf unsere Umwelt zu wenig berücksichtigt. Aber das ist ja zum Glück nicht überall in der Wirtschaft so. Es gibt Familienunternehmen, die in dritter Generation geführt werden und die ganz andere Perspektiven haben. Und es gibt viele Organisationen, bei denen Nachhaltigkeit nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, sondern ein ernstes Anliegen. Für die Menschheit ist langfristiges, komplexes Denken eine Lernaufgabe, weil durch die technologischen und digitalen Revolutionen der letzten hundert Jahre eine Vielzahl von bisher unbekannten Phänomenen und Problemen aufgetreten sind, die im Kern global sind und nicht mehr regional gelöst werden können. Dieses Bewusstsein um Interdependenz und wechselseitige Abhängigkeit wächst ja ständig und hier wird sich Vieles entscheiden. Thich Nhat Hanh sagt sinngemäß, dass wir nicht wissen, ob unsere heutige Zivilisation überleben wird. Dass wir nicht wissen, ob wir schon über den Punkt unserer eigenen Zerstörung hinausgegangen sind. Aber wir wissen, dass das Kultivieren  von Achtsamkeit, Mitgefühl und Verstehen uns dabei helfen wird, unser aller Intersein tiefer zu verstehen. Wenn wir aus diesem Geist heraus handeln, dann haben wir noch die Möglichkeit, in diese Teufelsmaschinerie, die wir in Gang gesetzt haben, einzugreifen und gemeinsam die richtigen Dinge zu tun.

 

ÖBR: Welchen Beitrag kann das Netzwerk Achtsame Wirtschaft zu einem Umdenken in dieser für die gesamte Menschheit so wichtigen Frage leisten?
Wir sind eine kleine Gruppe, aber ich glaube an die Kraft der kleinen Taten und den langen Atem. Indem wir viele kleine Samen der Achtsamkeit pflanzen – im Einzelnen, in Unternehmen, an Wirtschaftsunternehmen und Hochschulen – werden die heilsamen Früchte folgen. Vieles habe ich bereits wachsen sehen und heute schlägt uns in vielen ökonomischen Zusammenhängen bereits vielmehr Offenheit entgegen als noch vor 20 Jahren. Und damit meine ich nicht die Instrumentalisierung von Meditation zum Zwecke noch höherer Leistungsfähigkeit und Stressresistenz. Ich bin vielen Menschen in der Wirtschaft begegnet, die eine große Sehnsucht haben, durch ihre Arbeit eine bessere Welt zu schaffen. Wir sollten uns hier von Stereotypen befreien und die  Wirtschaft nicht dämonisieren. Und es ist sehr hilfreich, keine spirituelle Arroganz zu entwickeln, sondern in allen Wirtschaftsakteuren, auch denen die aktuell Leiden schaffen, den leidenden Bruder und die leidende Schwester zu sehen. Wenn wir wohlwollend auf die Welt schauen, dann können wir viel erreichen. Ich denke anUnternehmer, Berater und Manager, die zu uns ins Netzwerk kamen und sich angenommen, verstanden und nicht verurteilt fühlten und mit frischen Impulsen nach Hause und ihre Unternehmen zurückkehrten. Die sich eine Sangha oder andere Weggefährten suchten. Wenn sich dann durch geduldige Praxis kleine, mittlere und große Einsichten einstellen, dann verändert sich alles. Die scheinbare ökonomische Normalität stürzt in sich zusammen und wir sehen neue, heilsamere Wege für uns und alle Wesen. Diese persönliche Transformation zu unterstützen ist unser Ziel im Netzwerk. Wir praktizieren  nie nur für uns allein. Ich glaube an die Kraft der kleinen Samenkörner.

 

Kai Romhardt
Dr. Kai Romhardt arbeitet nach dem Studium der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften in Hamburg, St. Gallen und Genf als Buchautor, Trainer, Coach, Organisationsberater, Lehrbeauftragter (u.a. Uni St. Gallen) und Meditationslehrer (u.a. European Institute of Applied Buddhism). Kai Romhardt ist Dharmalehrer des Zen-Ordens Intersein (Tiep Hien), der 1966 vom weltweit bekannten Zen-Meister Thich Nhat Hanh begründet wurde. Romhardt lebte und studierte zwei Jahre in dessen internationalem Meditations- und Studienzentrum in Frankreich (Plum Village). Kai Romhardt ist Initiator und Vorsitzender des Vereins „Netzwerk Achtsame Wirtschaft“, der sich seit 2004 für ein bewussteres ökonomisches Handeln und Denken auf allen Ebenen einsetzt. Er ist zudem Autor mehrerer Bücher zum Thema Achtsamkeit, darunter eine Einführung ins Thema achtsames Wirtschaften mit dem Titel: „Achtsam Wirtschaften: Wegweiser für eine neue Art zu arbeiten, kaufen und zu leben“, Herder Verlag (2017).
Mehr Informationen: www.achtsame-wirtschaft.de  und www.romhardt.de

Überregionale Veranstaltungen des NAW finden sich unter:
https://achtsame-wirtschaft.de/kalender.html

 

Netzwerk Achtsame Wirtschaft (NAW) – Regionalgruppe Wien

Die im Mai 2011 gegründete Regionalgruppe Wien widmet sich der Kultivierung von Achtsamkeit, um heilsame ökonomische und ökologische Ideen und Handlungen zu entwickeln. Dies geschieht durch Meditations- und Austauschabende, Achtsamkeitsseminare, Achtsamkeitsretreats sowie Mindful Co-Working Days. Die NAW-Regionalgruppe Wien wird von einem vierköpfigen Kernteam koordiniert: Erika Erber, Ulrike Pastner, Sabine Putze und Heinz Vettermann. Die NAW-Regionalgruppe Wien trifft sich regelmäßig mit anderen an der Thematik Interessierten zur gemeinsamen Praxis und zum Austausch. Die Gruppe ist offen für Menschen, die sich in der Meditation und Achtsamkeit üben wollen und denen eine menschen- und umweltgerechte Wirtschaft ein Anliegen ist.
Mehr Informationen: https://achtsame-wirtschaft.de/regional-wien.html

 

ÖBR-Magazin und Podcast
Auszüge aus diesem Interview finden Sie im aktuellen ÖBR-Magazin ab Seite 8.
Das Interview steht auch als Podcast zum Nachhören bereit:
http://www.buddhismus-austria.at/buddhismus-in-oesterreich/podcast/

 

Redaktion und Foto: Manfred Krejci



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