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22.07.2020

Spielraum für neues Verhalten entdecken

Auf dem Weg der Meditation erleben wir manchmal ein bisschen Frieden – und stoßen auf Hindernisse: Gier, Hass und Verblendung, Zweifel bzw. Unentschlossenheit und Unruhe bzw. Sorgen. Dazu kommen Neid bzw. Eifersucht und Überheblichkeit bzw. Arroganz.

 

Die sieben Hindernisse sind reaktive Emotionen, die unser Leben schwerer als nötig machen oder es sogar manchmal völlig vergiften, wenn wir ihnen freie Hand lassen.

 

Wenn wir diese Haltungen bemerken, ihre schädlichen Aspekte bemerken und sie nicht mehr blind und unbewusst ausagieren, können wir Zugang zu einer unerschöpflichen Quelle von Energie und zu einem Schatz der Weisheit finden. Diese große Chance bietet sich uns, wenn wir mit viel Geduld und Humor, mit Ausdauer und heiliger Sturheit immer wieder innehalten und unsere Einstellungen mit kleinen meditativen Übungen erforschen.

 

Immer gesund und glücklich

 

Jetzt möchte ich auf eine falsche Erwartung hinweisen, auf eine Falle, in die langjährige Übende immer wieder geraten, wenn sie mit der Erwartung meditieren, dass es ihnen langfristig in dem Sinne besser geht, dass ihnen bestimmte Probleme nicht mehr zustoßen. Regelmäßiges Innehalten mit meditativen Übungen verfeinert unseren Blick auf uns und die Welt, fördert Einfühlungsvermögen, beruhigt und inspiriert. Meditation tut gut, ist aber keine Garantie dafür, dass wir bis ins hohe Alter gesunde Sinne, gute Beziehungen, einen klaren Kopf und die Fähigkeit zur tiefen Sammlung haben werden. Meditation kann uns auch nicht vor Alter und Krankheit, vor Verlusten und Konflikten schützen, auch wenn manche esoterischen Systeme das behaupten. Wer das erwartet und dann bemerkt, dass das nicht klappt, gibt das Meditieren vermutlich enttäuscht wieder auf. Das ist eine der großen Fallen, in die wir mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit geraten, wenn wir über längere Zeit meditieren.

 

Es ist sicherlich inzwischen klar geworden, dass sich der Begriff Meditation nicht nur auf konzentrative oder beruhigende Übungen bezieht, sondern auch auf thematische Übungen, bei denen wir unsere Erfahrungen mit Hilfe bestimmter Fragen systematisch untersuchen. Ruhe-Meditationen gelten im Buddhismus nie als Endzweck, sondern als notwendige und hilfreiche Bedingung für Einsicht. So wie auch Schlafen nicht Ziel und Zweck des Lebens ist, sondern notwendiger Bestandteil eines immer auch aktiven Lebens. Auch gute Erklärungen bzw. begriffliches Verstehen können uns tief beruhigen. Wenn wir etwas verstehen, können wir unsere Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einordnen und ihnen so Sinn geben, und das beruhigt uns sehr. Aber erst tiefes nichtbegriffliches Verstehen reicht tief genug, dass wir mit Zuversicht und Vertrauen durchs Leben gehen. Darum geht es im dritten Teil.

 

Und nun?

 

Wir bleiben am Üben dran, wenn wir freundlich zur Kenntnis nehmen wollen und können, was gerade mit uns los ist. Mit der Zeit sind wir sogar froh, dass wir beim regelmäßigen Innehalten deutlicher spüren, dass wir über- oder unterfordert, unruhig oder müde sind. Denn erst wenn wir das bemerken, können wir überlegen, ob wir einfach so weitermachen wollen oder vielleicht doch etwas an unserem Tagesablauf ändern. Zunächst ändern wir ganz kleine Dinge: Wir legen ab und zu eine kleine Pause ein, stehen kurz auf und bewegen uns oder – tun für ein paar Momente mal nichts. Das beruhigt und inspiriert, und wenn wir dann wieder einigermaßen ausgeglichen sind, können wir in aller Ruhe überlegen, wie wir dem, was uns beruhigt oder inspiriert, mehr Raum geben und mehr von dem lassen können, was uns unter Druck setzt oder blockiert.

 

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Mit dieser Haltung betrachten wir Meditationsübungen nicht mehr als Techniken zur Selbstoptimierung, sondern als Hilfe, genauer hinzuschauen und hinzuspüren. Wenn wir das tun, bemerken wir unrealistische Erwartungen, reaktive Muster und schädliche Gewohnheiten. Und wenn wir sie immer wieder bemerken, entdecken wir den Spielraum für neues Verhalten. Wir entdecken mehr Optionen und tun nicht immer nur mehr vom Selben. Unser Blick auf die Welt wird realistischer, und wir machen das Beste aus unseren Erfahrungen, auch dann, wenn sie mal unangenehm sind. Wir haben ein gewisses Maß an Ausdauer und Gelassenheit, Freude am Leben und setzen uns und andere weniger unter Druck.

 

An dem Punkt fühlen wir uns einigermaßen im Reinen mit uns und der Welt, denn wir sehen deutlich, dass und wie regelmäßiges Meditieren unser Leben immer mehr vereinfacht. Wir haben das Leben zwar nicht ganz, aber doch ziemlich gut im Griff, vertrauen auf unsere Übungen und auf unsere Fähigkeit, mit dem Auf und Ab des Lebens einigermaßen gut umzugehen. Und dann passiert meist etwas, das uns aus der Bahn wirft oder zumindest heftig irritiert und verunsichert. Uns dämmert, dass uns auch Meditation nicht vor dem Auf und Ab des Lebens bewahrt, genauso wenig wie Status und Besitz, Anerkennung und Zuwendung, schöne Erfahrungen und kluge Gedanken. Dann dämmert uns, dass zum Erwachsenwerden möglicherweise auch dazugehört, dass wir den Weg mit Zuversicht und Vertrauen alleine gehen lernen. Das ist das Thema des dritten Teils.

 

Überlegungen

 

  • Welche der vier Hindernisse – Zweifel, Sorgen, Neid und Überheblichkeit – erlebe ich häufig?
  • Entdecken Sie Interesse und Kritikfähigkeit hinter Ihrem Zweifel.
  • Entdecken Sie hinter Ihren Sorgen Ihre Fähigkeit zu Umsicht und Sorgfalt.
  • Entdecken Sie hinter Neid und Eifersucht die Fähigkeit, vielfältige Bezüge zu sehen.
  • Entdecken Sie hinter Überheblichkeit und Minderwertigkeitsgefühlen und der Neigung, sich ständig mit anderen zu vergleichen, die Fähigkeit, das Gemeinsame zu sehen.

 

Text: Sylvia Wetzel, Fotos: Thomas Klien

 

Aus dem Buch: Meditieren – aber wie?
Krisen in der Meditation überwinden,
Stuttgart 2018.

 

Sylvia Wetzel

 

geboren 1949, ist Publizistin, buddhistische Meditationslehrerin und Mitbegründerin der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg. Pionierin des Buddhismus im Westen. Zahlreiche Publikationen.

 

www.sylvia-wetzel.de

 

 



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