Leerheit: Grenzenlose Fülle
Die Lehre von der Leerheit ist wahrscheinlich die am häufigsten missverstandene. Denn sie wird oft fälschlicherweise als Nihilismus interpretiert – als die Idee, dass „nichts existiert“ oder das Leben bedeutungslos sei. Doch das Gegenteil ist der Fall!
Was bedeutet „leer“ eigentlich?
Wenn es im Buddhismus heißt, die Dinge seien „leer“, ist damit gemeint:
Sie sind „leer von einem Eigenwesen“ (S. svabhava ).
Das bedeutet, kein Ding und kein Mensch, nichts was existiert, besitzt einen festen, unabhängigen und dauerhaften Kern, der völlig isoliert vom Rest des Universums existieren könnte.
Diese Erkenntnis beruht auf der Lehre vom Bedingten Entstehen: Kein Phänomen existiert aus sich selbst heraus, unabhängig von anderen.
Alles entsteht, vergeht und verändert sich in Abhängigkeit von vielfältigen Ursachen und Bedingungen.
Madhyamaka (Der Mittlere Weg)
Der indische Gelehrte Nagarjuna prägte das Verständnis von Shunyata entscheidend. Er lehrt, dass Leerheit der „Mittlere Weg“ zwischen zwei Extremen ist: dem Eternalismus (dem Glauben an ewige Substanzen) und dem Nihilismus (dem Glauben an die totale Nichtexistenz). Alles existiert zwar, aber eben nur in Abhängigkeit.
Das Herz-Sutra
In diesem zentralen Text des Mahayana-Buddhismus heißt es:
Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. …
Form ist nicht verschieden von Leerheit, Leerheit ist nicht verschieden von Form
Das bedeutet, dass Alltagswelt und Leerheit nicht verschieden sind. Die Welt, die wir sehen, ist die Leerheit, die sich in unzähligen Formen manifestiert.
Thich Nhat Hanh
Leerheit ist Fülle.
Thich Nhat Hanh betont oft, dass „leer“ immer „leer von etwas“ bedeutet. Eine Blume ist leer von einer separaten Existenz, aber sie ist ganz von allen anderen erfüllt: von der Sonne, von der Erde, von allen Elementen, aus denen sie besteht.
Das kann auch am Beispiel einer Welle veranschaulicht werden: Eine Welle besteht aus Wasser und ist Teil des Meeres. Solange die Welle glaubt, dass sie unabhängig vom Meer existiert, wird sie Angst um ihre Existenz haben. Wenn die Welle erkennt, dass sie aus Wasser besteht und Teil des Meeres ist, gibt es keine Angst mehr.
Leerheit ist deshalb gleichbedeutend mit “Intersein” (englisch: interbeing). Nur weil etwas “leer” ist, kann es “voll mit allem” sein.





