Buddhismus in Österreich
Die Geschichte des Buddhismus in Österreich
Die Wurzeln reichen zurück bis in das 16. Jahrhundert.
Ein Beitrag von Hubert Weitensfelder
Wann kam der Buddhismus nach Österreich?
Die Beziehungen reichen weit zurück. Buddhistisch geprägte Länder lagen weit entfernt und waren nur durch mühselige und oft gefährliche Reisen erreichbar, die manchmal Monate dauerten. Wer sie unternahm, zählte zu den ersten, die praktizierten Buddhismus erlebten. Solche Fahrten von Österreichern sind seit etwa 1600 überliefert. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erhöhte sich die Zahl der Reisenden, einige verfassten auch schriftliche Zeugnisse, wie Tagebücher und öffentliche Berichte über ihre Erlebnisse.
Nach Österreich gelangten spätestens seit dem 16. Jahrhundert einschlägige Schriften und Bilder in die Bibliotheken, kultische Gegenstände in die Museen und schließlich Menschen in die Städte. 1780 sind erstmals zwei Chinesen in Wien sicher belegt. Seit dem 19. Jahrhundert wuchs der Strom an Informationen deutlich an. Die meisten waren aber durch religiöse sowie ethnische Vorbehalte und Unkenntnis stark verzerrt. Doch entwickelten sich auch wissenschaftliche Disziplinen, deren Vertreter sich um objektive Darstellungen bemühten, darunter die Indologie.
Karl Eugen Neumann, bekennender Buddhist
Ein Indologe war es auch, der sich um 1884 erstmals zum Buddhismus bekannte, nämlich Karl Eugen Neumann (1865–1915). Er übersetzte erhebliche Teile des Pali-Kanons erstmals ins Deutsche. Zu seinen Lebzeiten fanden seine Publikationen dazu aber nur wenig Beachtung, er blieb isoliert. Für den Buddhismus interessierten sich damals außer wenigen Wissenschaftern vor allem die Anhänger gewisser religiös-spiritueller Milieus, die heute kaum mehr ein Begriff sind, darunter Spiritismus und Okkultismus, Theosophie und Anthroposophie.
Die Zwischenkriegszeit
Kenntnisse verbreiteten sich durch verschiedene Medien der Vermittlung weiter, zum Beispiel durch öffentliche Vorträge an Volkshochschulen, Stumm-Spielfilme etwa mit Tibet-Bezug (erstmals 1924) und Radiosendungen (ca. seit 1934). Das früheste Grabmal eines bekennenden Buddhisten – für Jenő Lénard aus Budapest – wurde 1924 auf einem katholischen Friedhof in Klosterneuburg errichtet, wo es sich heute noch befindet. Zwischen den Kriegen befassten sich einige Dutzend Personen in Österreich ernsthaft mit dem Buddhismus. Noch existierte aber keinerlei Infrastruktur.
Gründung der buddhistischen Gesellschaft
Deren Anfänge fallen in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. 1949 wurde in Wien eine „Buddhistische Gesellschaft“ gegründet. Ihr Leiter wurde wenige Jahre später Fritz Hungerleider (1920–1998); als Sohn eines jüdischen Vaters hatte er die Jahre von 1938 bis 1947 im Exil in Shanghai verbracht. Gut 20 Jahre lang war Hungerleider der wichtigste Vertreter des Buddhismus in Österreich; unter anderem überwand er die bisherige Ausrichtung auf den Theravada-Buddhismus und wandte sich der Vermittlung des Zen zu. Hungerleider konnte aber trotz eifriger Werbung nur eine kleine Zahl von Menschen erreichen.
Bildung von Meditationsgruppen
Das änderte sich mit dem Einsetzen einer neuen Bewegung: In den 1960er und vor allem 1970er Jahren befassten sich vor allem junge Menschen zunehmend mit östlicher Spiritualität, einige besuchten auch Länder Ostasiens. Nun erlangte die Praxis der Meditation erhebliche Bedeutung. In diesem mentalen Kontext entstand 1975 in Scheibbs im Mostviertel das erste buddhistische Zentrum außerhalb von Wien. Als sein Sprachrohr galt von 1975 bis 1992 die Zeitschrift „Bodhi Baum“. Unter den Besuchenden und auch als Lehrende scheinen in Scheibbs erstmals viele Frauen auf.
Staatliche Anerkennung
In den folgenden Jahren etablierte sich der Buddhismus nun institutionell und auf Dauer. 1972 gründete Erich Skrleta in Wien die Buchhandlung und den Verlag „Octopus“. 1976 wurde ein provisorisches Zentrum am Dannebergplatz, ab 1980 ein ständiges am Fleischmarkt im Zentrum der Stadt gegründet. Damit erhielten buddhistische Anliegen gewissermaßen eine Adresse. 1977 fand die Gründung einer „Buddhistischen Gemeinde“ in Salzburg statt, auch in Graz entstanden erste Gruppen. 1983 erfuhr die Religion eine offizielle Anerkennung durch den österreichischen Staat, womit ihre Bedeutung auf eine ganz neue Ebene gehoben wurde. Im gleichen Jahr wurde an der Donau eine große Friedenspagode errichtet. Ab 1991 erschien ferner die einflussreiche Zeitschrift „Ursache und Wirkung“. 2005 wurde schließlich auf dem Wiener Zentralfriedhof ein buddhistischer Friedhof eingerichtet. So ist der Buddhismus in Österreich auf Dauer heimisch geworden.
Zeittafel
| 1624 / 25 | Christoph Karl Fernberger reist nach China, berichtet über Quanzhou |
| 1661 | Der oberösterreichische Jesuit Johann Grueber gelangt nach Lhasa |
| 1780 | Zwei Chinesen gelangen nach Wien |
| 1873 | Mehrere JapanerInnen kommen zur Weltausstellung nach Wie |
| 1878 – 1880 | Anton Payer lebt im Mönchsornat in einem buddhistischen Kloster in Thailand |
| Um 1884 | Karl Eugen Neumann wird der erste bekennende Buddhist Österreichs |
| 1892 / 93 | Erster Vortrag zu einem Thema des Buddhismus an einer Wiener Volkshochschule |
| 1924 | Erstes Grabmal eines Buddhisten (Jenő Lénard), auf dem Friedhof Klosterneuburg Der erste Stummfilm mit Tibet-Bezug wird in Wiener Kinos gezeigt: „Das verbotene Land (Die Liebe des Dalai Lama)“ (Drehbuch: Felix Salten) |
| 1934 | Ankündigung einer Sendung zum Thema „Lebende Buddhas“ in Radio Wien |
| 1938 -1947 | Fritz Hungerleider als Sohn eines jüdischen Vaters verbringt das Exil in Shanghai, wird nach seiner Rückkehr der wichtigste Organisator des Buddhismus in Österreich |
| 1942 -1945 | Margareta Glas-Larsson aus Wien überlebt die KZs Theresienstadt und Auschwitz, wo sie eine kleine Buddhafigur über die Zeit rettet |
| 1949 | Gründung der „Buddhistischen Gesellschaft“ in Wien |
| 1952 | Heinrich Harrer veröffentlicht das Buch „Sieben Jahre in Tibet“ |
| 1954 | Der erste hochrangige Buddhist, Kosho Ohtani aus Japan, hält einen Vortrag in Wien |
| 1955 | Fritz Hungerleider findet das Grab Karl Eugen Neumanns auf dem Zentralfriedhof |
| 1955 -1957 | „Zeitschrift der Buddhistischen Gesellschaft Wien“ |
| 1973 | Der Dalai Lama besucht Wien Gründung der buddhistischen Buchhandlung und des Verlags Octopus in Wien |
| 1975 | Gründung des Buddhistischen Zentrums Scheibbs |
| 1975 -1992 | Zeitschrift „Bodhi Baum“ |
| 1976 | Buddhistisches Zentrum am Dannebergplatz (1030 Wien) |
| 1977 | Gründung der Buddhistischen Gemeinde Salzburg |
| 1980 | Buddhistisches Zentrum am Fleischmarkt im Zentrum von Wien |
| 1982 / 83 | Errichtung der Friedenspagode in Wien |
| 1983 | Staatliche Anerkennung des Buddhismus |
| 1991 ff | Zeitschrift „Ursache und Wirkung“ |
| 2005 | Eröffnung des buddhistischen Friedhofs auf dem Wiener Zentralfriedhof |
Literatur:
Joseph Chadwin, Lukas Pokorny: Chinese Buddhism in Austria. In: Religion in Austria 6 (2021), 113–160.
Lukas K. Pokorny: Naikan in Austria: Background and Early Years, 1980–1986. In: Religion in Austria 6 (2021), 161–218.
Lukas K. Pokorny: Ostasiatische Traditionen. In: Karsten Lehmann, Wolfram Reiss (Hg.): Religiöse Vielfalt in Österreich. Baden-Baden 2022, 355–369.
Lukas K. Pokorny, Martina Anissa Strommer: Buddhist Religious Education at Schools in Austria. In: Religion in Austria 7 (2022), 37–100.
Lukas K. Pokorny with Hubert Weitensfelder: „To Preserve the Teachings in Their Original Simplicity and Purity“: An Annotated Translation of the Correspondence Between Anton Kropatsch and A.A.G. Bennett, 1955–1956. In: Religion in Austria 7 (2022), 271–411.
Hubert Weitensfelder: Österreich und der Buddhismus. Asiatische Abenteuer vom 16. Jahrhundert bis um 1960. Wien, Köln 2023.
Lukas K. Pokorny: Austria. In: Laurence Cox, Ugo Dessì, Lukas K. Pokorny (Hg.): East Asian Religiosities in the European Union. Globalisation, Migration, and Hybridity. Paderborn 2024, 13–29.
Lukas K. Pokorny: Japanese Buddhism in Austria. In: Religion in Austria 8 (2023), 77–100.
Christoph Hammer: Geschichte und Gegenwart der Karma-Kagyü-Schule in Österreich. Ungedruckte Masterarbeit Wien 2023. https://utheses.univie.ac.at/detail/69741#
Lukas K. Pokorny, Christoph Hammer: Tibetan Buddhism in Austria: The Beginnings. In: Religion in Austria 9 (2024), 267–330.
Joseph Chadwin: Religiously Affirming or Ignorantly Orientalist: An Ethnographic Study of Chinese Teenagers’ Experience of Buddhist Education in Austria. In: Religion in Austria 10 (2025), 33–58.
Lukas K. Pokorny, Christoph Hammer: The Dzogchen Community in Austria. In: Religion in Austria 10 (2025), 59–108.
Lukas K. Pokorny, Christoph Hammer: The History of the Karma Kagyu Tradition in Austria. In: Religion in Austria 10 (2025), 109–165.
Lukas K. Pokorny: „I Owe My Deeper Understanding of the Teaching Largely to Reading Your Writings”: An Annotated Translation of the Correspondence between Anton Kropatsch and Nyanaponika, 1953–1963. In: Religion in Austria 10 (2025), 265–324.
Hubert Weitensfelder
Geboren 1959 in Dornbirn, ist Wirtschafts- und Sozialhistoriker sowie ehrenamtlicher Archivar der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR). Er schreibt vorwiegend über Themen der Regional- und der Technikgeschichte.
[im Bild: Der Autor bei der Präsentation seines Buches „Österreich und der Buddhismus“ im November 2023]







